Berichte -> Ötztaler Radmarathon 2007

Kenndaten zum Event
Veranstaltungstag: So, 26.08.07
Veranstaltungsort: A-Sölden
Distanz in km offiziell / lt. Aufzeichnung: 238 / 225
Höhenmeter offiziell / lt. Aufzeichnung: 5500 / 5105
HP des Veranstalters: http://www.oetztaler-radmarathon.com

Vorab: am Marathon habe ich nur inoffiziell und ohne Zeitmess-Chip teilgenommen, stehe daher auch nicht in der Ergebnisliste.

Abordnung TV Kleinwiedenest & Friends

Vom Verein waren wir diesmal mit einer stattlichen Abordnung vertreten. Außer mir sind 8 Kollegen offiziell gestartet. Während Mike und Ralf ihr Ötzi-Debüt gaben, wurden von den anderen 6 Aktiven tatsächlich 4 neue persönliche Bestzeiten erzielt. Thomas konnte seine bisherige schnellste Zeit aus 2000 um 9 Minuten auf 10:56 Std:Min drücken und war total happy. Christian ist sicherlich stärker als seine 10:46 suggerieren, die immerhin noch eine Verbesserung um 2 Minuten gegenüber seiner letzten Teilnahme in 2002 bedeuten. Auch bei Jörg (@jvpracer) war eine leichte Steigerung von 9:30 aus 2005 auf 9:27 drin. Den Vogel aus Vereinssicht hat aber Jürgen (@listersee) abgeschossen, der mit phantastischen 8:18 nach zuvor 8:35 in 2005 einen hervorragenden 213. Platz bei insgesamt 3873 Finishern belegt hat.

Auch Ötztal-Radmarathon-Veteran Bernd (@chesssy) war bei seiner mittlerweile 10. Teilnahme mit 10:58 knapp unter einer der magischen Stundenmarken, während Stefan auf Grund eines Speichenbruches am letzten Pass das Rennen vorzeitig aufgegeben hat.

 

Das von vielen Teilnehmern neue Bestzeiten erzielt wurden, auch der Sieger Emanuele Negrini ist mit 7:03 knapp 9 Minuten schneller als bei seinem Erfolg im Vorjahr unterwegs gewesen, lag nicht zuletzt an den nahezu idealen Wetterbedingungen. Erstmals seit vielen Jahren war es komplett trocken. So konnten die Abfahrten von den Pässen mit höherem Tempo genommen werden. Außerdem stand der Wind recht günstig. Nach meinem Empfinden war es auf der Passage nach Oetz windstill, während sowohl auf dem weitgehend flachen Teil von Kematen nach Innsbruck wie auch im folgenden Anstieg auf den Brenner leichter Rückenwind herrschte, der für zusätzlichen Vortrieb gesorgt hat. Zudem war es schon am Start in Sölden um 6:30 Uhr mit 12° C ausreichend warm, so dass die überwiegende Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (201 gemeldete Frauen) auf die sonst übliche zusätzliche Bekleidungsschicht wie Wind-/Regenjacken, Knie-/Beinlinge, Über-/Handschuhe verzichten konnte.

Am letzten Pass, dem Timmelsjoch, war es für meinen Geschmack aber zu warm. Dass in St. Leonhard (725 m ü. NN), wo der Aufstieg beginnt, weit über 30° C gemessen werden, ist nicht ungewöhnlich. Damit mussten die Radler auch schon in den Vorjahren klarkommen. Aber selbst an der Labe in Schönau (rund 1700 m) waren am Nachmittag noch 25° C zu verzeichnen und auf der Passhöhe in 2509 m zeigte meine Polar-Uhr immer noch 13° C an. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportlern hält sich bei mir die Schweißproduktion unter körperlicher Belastung vornehm zurück. Im unteren Teil des Timmelsjoch habe ich aber transpiriert wie wohl selten zuvor. Jedenfalls war es eine neue Erfahrung, Schweißtropfen, die von der Stirn über den Nasenrücken perlen und sich an der Spitze sammeln, von selbiger mit der Hand mehrmals innerhalb einer Minute abzustreifen. Von Krämpfen bin ich verschont geblieben. Die habe ich aber auch nicht befürchtet, auf dem Rad habe ich unter denen nämlich noch nie gelitten. Viele andere haben dieses Glück nicht. Nicht erst am Timmelsjoch, sondern auch schon am Jaufenpass, spielen sich wahre Dramen ab.

In meiner Jahresplanung war der Ötztaler lange Zeit nur als Alternativ-Event eingestuft. Meinen ursprünglichen Startplatz hatte ich an Stefan abgetreten. Nach dem Verzicht auf die Teilnahme an P-B-P, das in der Vorwoche ausgetragen wurde, ist der Ötztaler dann wieder verstärkt in den Fokus gerückt. Natürlich habe ich für den nicht spezifisch trainiert, mein Hauptaugenmerk während der Saison lag eben auf das Absolvieren längerer Distanzen. Im Gegenteil, vom Profil her liegt mir der Ötztaler überhaupt nicht, dafür sind die Anstiege zu steil. Obwohl recht gut in Form, sind Zeiten im Bereich meiner PB mit 10:08 in 2005 nicht drin. Seinerzeit war ich noch nicht der "Rouleur" wie jetzt. Und trotzdem habe ich mich zur Teilnahme entschlossen. Zum einen ist der Ötztaler der Marathon schlechthin, zum anderen habe ich mich auf ein paar nette Tage mit den Vereinskollegen und ein Wiedersehen mit Bekannten aus dem Tour-Forum und einigen Teilnehmern aus der imagic-Liga gefreut.

Nachdem am Starttag feststand, dass ich "schwarz", also nur inoffiziell mitfahre, habe ich die Digicam eingepackt und mir eine gemächliche Gangart verordnet. Im letzten Jahr bin ich unter schlechten Voraussetzungen (News 23.08.06) am Anschlag eine 10:50 gefahren und habe mir am Jaufen seinerzeit erst- und letztmalig die Frage gestellt, warum ich mir das eigentlich antue. Dieses Jahr wollte ich erst gar nicht in die Nähe solcher Gedanken kommen. Außerdem wollte ich Mike bei seiner Premiere unterstützen, falls dies notwendig sein sollte. Der arme Kerl hat sich das ganze Jahr konsequent auf den Jahreshöhepunkt vorbereitet, leidet seit einiger Zeit aber unter einem Überlastungssyndrom und konnte daher in den letzten Wochen nicht mehr trainieren. Klar, dass dies auch an seiner Psyche nagt. Zum Glück verliefen die letzten Ausfahrten nahezu schmerzfrei, es bestand also die Hoffnung, den Ötztaler durchfahren zu können.

Zum Rennen

In der Startaufstellung, 6:25 Uhr
Auf dem Weg nach Oetz

In der Startaufstellung stehe ich ziemlich weit hinten, erst um 6:39 Uhr geht es über die Startlinie. Bis Oetz rollt es dennoch recht gut. Zwar nicht schneller, aber entspannter als im Vorjahr. Da stand ich weit vorne und musste nervöse Gruppen mit mehrmaligen panikartigen Bremsmanövern miterleben. Dieses Jahr geht es um mich herum locker zu. Das wird aber wohl nicht überall so gewesen sein, denn hinter Tumpen steht bereits ein Notarztwagen am Straßenrand. Wenig später überhole ich Christian, was mich schon wundert. In Oetz (800 m) am Einstieg ins Kühtai darf ich Massen von Radlern am Straßenrand bewundern, die sich ihrer Jacken entledigen. Ich habe überhaupt keine Jacke dabei und ein Entkleiden ist daher nicht nötig. Selbst auf Knielinge habe ich verzichtet und stattdessen etwas mehr Sonnencreme an den Beinen aufgetragen. Als zusätzlicher Schutz des Oberkörpers reicht mir die Weste über dem Kurzarm-Trikot und dünne Armlinge.

 
unterer Teil Kühtai
viel los, aber ausreichend Platz

Bereits im unteren Teil des Kühtaianstieg geht es recht heftig zur Sache. Also einen kleinen Gang rein und locker kurbeln. Wenn man hier weitgehend mit der Masse "mitschwimmt" und nicht permanent links und rechts Lücken zum Überholen suchen muss, kommt man auch mit wenig Platz zum Vorder- und Nebenmann gut klar.

 
Stefan
Bernd (@strwd)

Recht früh fahre ich auf Stefan auf, etwas später habe ich Bernd (@strwd) aus der imagic-Liga erreicht, mit dem ich einige Zeit zusammen Höhenmeter gutschreibe. Kurz vorm Ochsengarten (1500 m) huscht ein Schwalbe-Trikot an mir vorbei. Es handelt sich um Christian (sorry, Foto ist nichts geworden), der sich eigentlich eine gute Zeit vorgenommen hat, dafür bisher aber reichlich verhalten unterwegs ist. Bis zum Steilstück hinter dem Ochsengarten bleibe ich an ihm dran, dann lasse ich ihn ziehen.

 
Mike
Kühtai ...
© Mike Kramer

Nicht weit unterhalb des See entdecke ich den nächsten Schwalbe-Fahrer, der am Straßenrand steht und rückwärtsgerichtet mit dem Fotoapparat hantiert. Es handelt sich um Mike, der mich nicht sieht und auch nicht mitbekommt, dass ich ihn ablichte. Erst auf mein Zurufen reagiert er und nimmt geistesgegenwärtig ein Foto von vorne. Ich bin erstaunt, ihn so früh zu treffen, da ich bisher nun wirklich nicht besonders schnell bin. Normalerweise kann ich Mike an Anstiegen, die jenseits von 5 oder 6% liegen, nicht halten. Entweder ist er angesichts der Schwere des Marathons übervorsichtig unterwegs oder sein Knie zwickt. Wie er erzählt, fühlt er sich nicht gut und hat schwere Beine. Das Knie muckt etwas, aber nicht dramatisch. Oh je, das kann ja heiter werden. Meine Skepsis behalte ich aber erst mal für mich. Mike ist zwar ein harter Hund, aus den Vorjahren weiß ich allerdings, wie übel das Timmelsjoch zum Schluss werden kann. Trotzdem steht für mich außer Frage, dass wir ab sofort zusammen weiterfahren.

 
Ort Kühtai
 
Beginn der Abfahrt
Kühtai-Labe

Bis zur Passhöhe (2020 m) ist es nicht mehr weit. An der Labe herrscht dichtes Gedränge. Nach einer kurzen Pause geht es in die Abfahrt. In den letzten beiden Jahren war dieser Part feucht und daher eine gewisse Vorsicht geboten. Aber jetzt kann man es rollen lassen. Und wie! Das Canyon F10, das ich vor 6 Wochen aufgebaut habe, trägt seinen Teil bei, dass der Abschnitt bis Kematen (620 m) zum Genuss wird. Meine Cannondales mit Alu-Rahmen laufen bergab ja schon ohne Fehl und Tadel, Flatterneigung ist auch da ein Fremdwort. Aber das F10 setzt dem Ganzen die Krone auf. Glänzt mit absoluter Spurtreue und fährt sich wie auf Schienen. Egal ob Gullydeckel, Rillen oder Fugen gequert werden, das Rad bleibt vollkommen unbeeindruckt, folgt willig und ohne jegliche Nervosität jeder kleinen Lenkbewegung. Da auch die Bremsanlage mit den DuraAce-Komponenten und den Koolstop-Belägen den Fahreigenschaften des Rades qualitativ nicht nachsteht, fühle ich mich nicht nur bestens ausgestattet sondern auch sehr sicher.

Offensichtlich geht es im hinteren Feld aber nur den wenigsten wie mir. Denn während bis Kematen keiner an mir vorbeifährt, überhole ich Dutzende Radler. Immerhin fahren diese diszipliniert und bleiben auf ihrer jeweiligen Linie, so dass es zu keiner brenzligen Situation kommt. Im Tal lege ich erst mal die Beine hoch und kurbele auf Sparflamme, um Mike herankommen zu lassen. Das dauert allerdings eine Weile, auf Abfahrten kann man schon einiges an Zeit sparen.

 
auf dem Weg zum Brenner
 
letzter steiler Anstieg vor dem Brenner
Gruppe gefällig ?
© Mike Kramer

Bis Innsbruck fahren wir relativ verhalten. Auf dem Abschnitt zum Brenner verliere ich Mike zweimal, als er ohne Mitteilung vom Rad steigt. Nach seiner ersten Kurzpause findet sich zum Glück schnell eine große Gruppe, in der wir kraftsparend mitrollen. Wie schlecht es ihm trotzdem geht, erkenne ich daran, dass er auf meine Anreden teilweise gar nicht reagiert oder aber total einsilbig antwortet. Und das bei einem, der sonst vor Humor strotzt und fast immer gute Laune verbreitet. Am steileren Stück kurz vor der Passhöhe bin ich dann zum zweiten Mal alleine. Obwohl ich anschließend nicht viel mehr als Schritttempo fahre, dauert es fast bis zur Labe, ehe Mike wieder aufschließt. Jetzt hat ihn noch ein Krampf erwischt und zum Absteigen genötigt.

 
Massenabfertigung an der Brenner-Labe
in bella Italia

Die Messstelle am Brenner (1377 m) haben wir nach 4:40 Std:Min überfahren. In den letzten beiden Jahren war ich hier jeweils nach 4:19 Std:Min. Trotz allem liegen wir also nur 20 Minuten zurück. Die Pause an der Labe fällt etwas länger aus. Ich gebe Mike eine meiner Magnesium-Brausetabletten, die ich bei harten Events immer mitführe. Auf dem folgenden Stück ab Brenner durch Sterzing bis zum Einstieg in den Jaufenpass (ital. Passo Giovo) kann man Körner und Zeit sparen, wenn sich Windschatten bietet. Während ich einen solchen nutze, verpasst Mike den Anschluss und verbrät wieder unnötige Energie. Kurz hinter Sterzing lasse ich mich daher zurückfallen, damit er sich an mein Hinterrad setzt. Die Dienstleistung ist aber nur kurzfristig, denn die 1100 Höhenmeter den Jaufen (2094 m) hoch ist jeder selbst gefordert.

 
am Jaufenpass
 
die Passhöhe wird sichtbar
 
nur noch 200 hm
tolles Wetter, tolle Strecke
 
Jaufenhaus
 
grandioses Panorama

Im Gegensatz zu Kühtai und Timmelsjoch weist der Jaufen recht gleichmäßige Steigungsprozente auf, nach meiner Aufzeichnung sind das 7,3%. Es gibt aber nirgends ein Flachstück, das eine kurzzeitige Erholung bietet. Der untere Teil des Anstiegs lässt immer wieder tolle Blicke ins Tal zu, während man sich langsam nach oben schraubt. Die letzten rund 250 hm bis zur Passhöhe vorbei am Jaufenhaus (1887 m) sind einsehbar, erscheinen aber länger und höher als sie tatsächlich sind. Doch auch in Kenntnis dessen, versetzt einem die plötzliche freie Sicht immer wieder einen kleinen Dämpfer.

Mike findet schnell seinen Tritt und kurbelt recht gleichmäßig und zügiger als ich befürchtet habe. Mir selbst geht es ausgezeichnet. Alles andere wäre auch unverständlich. Bis jetzt bin ich zwar nicht ausschließlich im GA-Herzfreqenzbereich gewesen, aber weit weg von Belastungsspitzen. Außerdem konnte ich mich in den Phasen, wo ich auf Mike gewartet habe, zusätzlich regenerieren. Da mir das gleichmäßige Treten gelegentlich zu eintönig wird und auch zur Entlastung des Rücken, gehe ich hin und wieder in den Wiegetritt, schalte einige Gänge rauf und gebe kurzzeitig Gas. Bei zwei solcher Aktionen gönnt sich Mike eine Auszeit. Bei der ersten warte ich noch, bei der zweiten nehme ich aber keine Rücksicht, fahre alleine bis zur Passhöhe und zur dort aufgebauten Labestation.

Im Gegensatz zu 2006 befindet sich die Messmatte für die Zeitkontrolle vor der Verpflegungsstation. Letztes Jahr war ich bewusst zunächst bis über die Matte gefahren, die seinerzeit hinter der Station platziert war, um meine Zeiten mit denen des Vorjahres vergleichen zu können, als man die Labe etwas unterhalb der Passhöhe in Fahrrichtung St. Leonhard eingerichtet hatte. So hatte ich die Pausenzeiten jeweils in den Abfahrts- und nicht in den Auffahrtsstrecken. Aus Fahrersicht wäre es wünschenswert, wenn es der Veranstalter so einrichten könnte, dass die Messstellen immer identisch platziert sind. Nur so sind aussagekräftige Vergleiche möglich. Am Besten wäre natürlich eine Matte vor und einer hinter der Labe, dann hat man zusätzlich zu den Brutto- auch noch echte Nettozeiten. Die Matte in Innsbruck war nach meiner Erinnerung in 2006 übrigens auch an anderer Stelle, und zwar in der ersten Rechtskurve.

 
Parkplatz an der Jaufen-Labe
 
Sigi
Schwalbe-Duo

Wie auch an der Brenner-Labe herrscht hier oben Highlife. An den Gittern zum Einhängen der Räder reiht sich Velo an Velo. Für den Anstieg habe ich 1:43 benötigt, 9 Minuten mehr als im Vorjahr. Und durch die längere Pause am Brenner summiert sich der Malus zum Vorjahr auf mittlerweile 42 Minuten. Eine Zeit unter 12 Stunden ist demnach noch drin, vorausgesetzt am Timmelsjoch folgt nicht der totale Einbruch und die Pausenzeiten bewegen sich im Rahmen. Mike scheint sich wieder gefangen zu haben, denn es dauert nicht lange bis auch er die Labe erreicht. Als ich ihm meine Zeitkalkulation mitteile, bleibt er aber teilnahmslos. Im Vorfeld des Marathon hat er sich nie zu Zeiten geäußert. Da er aber fast ausnahmslos mit Ötzi-Teilnehmern trainiert, deren bisherige Zeiten kennt und seine eigene Leistungsstärke im Vergleich halbwegs realistisch einschätzen kann, wird er wohl auch eine Zielsetzung gehabt haben.

Hier an der Labe treffen wir auf Sigi, einen Österreicher, der in derselben Pension nächtigt und ebenfalls seinen ersten Ötztaler fährt. Wie er den "Traum-Marathon" erlebt hat, kann seinem Bericht entnommen werden.

 
Die Jaufenabfahrt: Serpentinen ...
 
die Meute kommt ...
... und aufgerissener Teer
 
die letzten Abfahrtsmeter in St. Leonhard

Nach langen 22 Minuten Pause geht es gemeinsam Richtung St. Leonhard (725 m). Im Gegensatz zur Abfahrt vom Kühtai weist die Jaufenabfahrt viel mehr Kurven auf. Zudem ist der Straßenbelag an mehreren Stellen nicht in besonders gutem Zustand und dort von Fugen und Unebenheiten in Längsrichtung durchzogen. Wohl dem, der ein für solche Verhältnisse unsensibles Rad sein Eigen nennt.

Während am Kühtai in erster Linie Mut für hohe Geschwindigkeiten gefordert ist, profitieren am Jaufen die technisch versierten Abfahrer. Zum Glück ist die Strecke für den Gegenverkehr gesperrt, so dass sich die Kurven über die ganze Breite anfahren und aus den Kurven optimal herausbeschleunigt werden kann.

Am Jaufenpass lag die Temperatur bei geschätzten knapp 20° C. Und jetzt, während der Abfahrt ist deutlich spürbar, wie es von Minute zu Minute wärmer wird.

 

In St. Leonhard ist es windstill und richtig drückend, 36° C registriert die Polar-Uhr. Der Übergang von der Jaufenabfahrt zum Timmelsjochanstieg ist fast fließend und auf dem kurzen Flachstück am Ortsausgang stehen etliche Fahrer, die ihre zuvor übergestreiften Jacken wieder in den Trikottaschen verstauen.

Das Timmelsjoch (Passo del Rombo)! Wir haben zwar schon 175 km und 3200 hm in den Beinen, aber jetzt geht der Ötztaler erst richtig los. Gemäß meiner Aufzeichnungen sind auf den nächsten 28,4 km rund 1720 hm zu überwinden, im Schnitt also 6,05%. Die Steigungsprozente erscheinen im Vergleich zu anderen Pässen nicht so dramatisch, enthalten ist im Mittelteil (1750 m ü NN) aber eine nahezu flache Passage (70 hm) von rund 4,1 km Länge. Wird die ausgefiltert, errechnen sich 6,77% Steigung. Von den nackten Daten ist der Pass daher fast mit dem Stilfser Joch vergleichbar (23 km, 1780 hm, 7,57% Steigung).

 
Moos: jetzt geht es zur Sache!
nein, noch nicht ...

Bis Moos ist der Anstieg halbwegs human, ab Moos wird es richtig eklig. Mit rund 14% zwar nicht so steil wie die 17 - 18% hinter dem Ochsengarten am Kühtai, aber nach der bereits zurückgelegten Distanz kommt einem das eher noch schlimmer vor. Bevor ich nach Moos komme, ist aber eine Pause angesagt, Mike ist mir wieder abhanden gekommen. Da ich ihn am Ende eines länger einsehbaren Stückes auch nirgends hinter mir entdecke, halte ich an. Als er mich erreicht, fährt er nicht weiter, sondern stoppt ebenfalls. Mir ist jetzt klar, dass wir die 12 Stunden nicht halten werden können, versuche ihn aber trotzdem noch mal zu motivieren. Letztlich muss er das Timmelsjoch aber selber erklimmen und es macht wenig Sinn, das unbedingt im Paarlauf zu vollbringen. Wir entscheiden uns daher, dass jetzt jeder sein Ding fährt. Somit kann ich unter 12 Stunden bleiben und er fühlt sich nicht unter Druck gesetzt. Bedenken, dass er den Ötztaler nicht zu Ende fährt habe ich aber keine. Es ist jetzt kurz nach 15 Uhr und ihm bleiben fast 4 1/2 Std. bis zum Erreichen der Passhöhe.

 
typisches Bild im hinteren Feld:
etliche stehen oder schieben

Als ich alleine losrolle, nehme ich etwas mehr Fahrt auf. Noch geht es mir halbwegs gut. An den steileren Passagen habe ich so meine Probleme, aber das ist ja nichts Neues. Die Temperatur sinkt zwar je höher ich komme, trotzdem macht mir die Wärme zunehmend zu schaffen. Immer öfter muss ich zwischendurch auf das 30er-Ritzel schalten und bin froh, dass ich die Kassette noch umgebaut habe. Wie im letzten Jahr fahre ich Kompakt (50/34) mit einer 30-11er Kassette.

 
oberer Block einer 27-12er-Kassette

Bei 9-fach ist der Umbau kein Problem, aber bei der 10-fach-Gruppe musste ich da ein wenig tricksen. Der obere 3er-Block der 27-12er Kassette weist auf der Speichenseite eine Vertiefung auf, in der ein Spacer fast bündig verschwindet. So sind zwei Spacer notwendig, um den nötigen Abstand zum separaten 30er-Ritzel aus der 8-fach-Gruppe zu schaffen. Dieses wiederum ist auf der Rückseite komplett plan, daher darf vor diesem Ritzel weder der bei Mavic-Laufrädern sonst notwendige Spacer noch der eigentlich übliche 1 mm-Spacer, der bei 10-fach Kassetten montiert wird, aufgelegt werden. Das 30er-Ritzel ist mit 1,8 mm zwar breiter als ein 10-fach Ritzel mit 1,6 mm, die Kette passt aber trotzdem. 14er und 12er mussten weichen, um Platz für 30er und 11er-Ritzel zu schaffen. Schon auf dem Weg von Sölden nach Oetz ist die Kombination 50/12 grenzwertig, und ein 11er mehr als angebracht.

 
Holger (@quarkwade)

Trotz Nutzung des kleinsten Ganges komme ich relativ gut voran. Bis zur Labe werde ich nur von wenigen Radlern überholt. Einige von denen steigen aber schon kurz danach vom Rad und gesellen sich zu den vielen anderen, die am Rand stehen oder sitzen und sich eine Verschnaufpause gönnen. Vor dem Flachstück an der Labe Schönau entdecke ich ein auffälliges Colnago im Design, wie es Rasmussen bei der Tour 2005 gefahren hat. Den Fahrer kenne ich. Es handelt sich um Holger (@quarkwade), den ich am Vortag bei einer Ausfahrt nach Niederthai kennengelernt habe. Er klagt über Krämpfe, Magenprobleme und dass er nichts mehr essen könne. Bis zur Labestation will er noch, dann aber aufgeben. Ich versuche ihm das auszureden, er hat ja noch massig Zeit, aber er bleibt unbeirrt. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, hat er sich aber doch durchgebissen und seinen ersten Ötztaler ordnungsgemäß beendet.

 
Labe Schönau
da geht's gleich rauf ...

An der Labe halte ich mich nicht lange auf, nehme lediglich ein Powergel zu mir und schieße einige Fotos. Als ich wieder los will, taucht ein Reisebus auf. Ich frage mich, was der hier will, sehe dann aber Leute mit Radtrikots im Innern und es wird mir bewusst, dass es sich um einen Besenwagen handelt. Der Bus ist bereits voll und deshalb schon auf dem Weg nach Sölden. Vom Ruf nach dem Besenwagen bin ich aber weit entfernt.

 
Brücke nach der Labe
 
letzte Labe passiert ...
letzte Verpflegungsstation
 
mühsam geht's bergauf

Auf dem Weg zur Brücke, unmittelbar hinter der Labe, pfeift einem der Wind um die Ohren. Das ist hier wohl immer so. Nach der Kehre gibt es dafür Schub. Der tut gut, denn jetzt wird es wieder peu à peu steiler und ich muss zunehmend aus dem Sattel.

Die letzte Verpflegungsstelle kommt reichlich früh. In den letzten Jahren wurden hier beim Passieren Getränke gereicht. Im Vorjahr habe ich hier erstmals und danach auch nie wieder ein "Red Bull" gegriffen, Flügel hatte mir das seinerzeit aber nicht verliehen. Jetzt steht hier niemand, der einem eine Dose in die Finger drücken will, wahrscheinlich bin ich dazu viel zu spät. Wer etwas braucht, muss schon absteigen.

Dafür sehe ich auch hier Massagebänke, auf denen eifrig geknetet wird. Waren die hier letztes Jahr auch schon aufgestellt? Kann mich jedenfalls nicht erinnern.

Auf einer Höhe von etwas mehr als 2400 m gibt es einen Tunnel, der einen auf kurzem Weg von der Süd auf die Nordseite des Timmelsjoch oder umgekehrt führt. Wenn der Tunnel erreicht ist, hat man den Ötztaler im Sack. Bis zur eigentlichen Passhöhe geht es zwar noch ein kleines Stück bergauf, die Steigungsprozente sind aber kaum spürbar. Aber bis zum Tunnel zieht es sich, dabei wird es spürbar kühler. Mittlerweile fahre ich nur noch auf dem 30er und quäle mich mühsam hinauf. Den Mitfahrern um mich herum ergeht es aber genauso. Es finden kaum Gespräche statt, jeder kämpft um Höhenmeter gegen sich selbst.

 
Der Tunnel

Endlich ist der Tunnel in Sicht. Und als ich mich der Öffnung nähere, verstehe ich auch, warum so viele bereits hier ihre Jacken überziehen. Aus dem Loch bläst ein kalter Wind, als wenn in der Röhre ein Ventilator installiert wäre. Ich halte ebenfalls an und streife Weste und Armlinge über. Im Tunnel ist es auch ohne Sonnenbrille reichlich düster. In den letzten Jahren war der Tunnel stellenweise ausgeleuchtet. Dazu wurden Stromaggregate aufgestellt, die einen ziemlichen Lärm verursacht haben. Mittlerweile gibt es hier oben die typische Tunnelbeleuchtung mit roten LEDs am rechten und weißen am linken Fahrbahnrand. Wenn nur Radler ohne eigene Beleuchtung im Tunnel unterwegs sind, ist das aber kaum ausreichend.

 
Passhöhe = Grenzübergang
erste Kurven der Abfahrt

Kurz vor der Passhöhe nimmt der Wind kurzzeitig noch einmal deutlich zu. Nach Queren der Matte für die Bergwertung am Grenzübergang geht es sofort abwärts. Es folgen einige Kurven und dann längere fast gerade Stücke. Vom Speed wie bei der Abfahrt vom Kühtai bin ich aber weit entfernt. Dafür ist es nicht steil genug und außerdem steht der Wind hier ungünstig. Zudem ist der normale Verkehr freigegeben und jede Menge Motorräder und Autos kommen mir entgegen. Immerhin ist alles wunderbar einsehbar, nicht so wie vor zwei Jahren, als ich im oberen Teil bei dichtem Nebel nur darauf geachtet habe wie sich mein Vordermann verhält und wann er in eine Kurve einlenkt.

 
Gegensteigung
© Mike Kramer
toller Blick auf die Ötztaler Alpen

Vor der Maustelle (2170 m) ist noch die Gegensteigung zu bezwingen. Das sind zwar nur rund 130 hm und auch nicht zu steil, trotzdem muss ich immer weiter herunterschalten. Endlich ist die Passage überwunden.

 
Mautstelle

An der Mautstelle ist einiges los, vor allem in Gegenrichtung und im weiteren Verlauf der Abfahrt kommen mir immer wieder Fahrzeuge entgegen, so dass ich ständig bremsbereit bin.

Der flache Part ab Zwieselstein und das leichte Bergaufstück vor Sölden ist wieder mein Terrain. Vergessen sind die Leiden am Timmelsjoch und es heißt "Kette rechts".

 

In Sölden verzichte ich auf die letzten Meter über die Brücke und ins Ziel. Die Uhr lasse ich noch einen Moment weiterlaufen und stoppe sie dann bei 11:38. Netto habe ich 10:50 benötigt, insgesamt also 48 Minuten gestanden. In den letzten beiden Jahren haben jeweils 20 Minuten gereicht.

Mike hat am Timmelsjoch noch einige Pausen eingelegt und den Ötztaler letztlich in 12:39 beendet. Wenn er in 2008 schmerzfrei, im Vollbesitz seiner Kräfte ist und die bei der diesjährigen Veranstaltung gewonnenen Erfahrungswerte sinnvoll umsetzt, ist da einiges an Verbesserungspotenzial drin.

Ralf
© M.Kramer

Ralf hat seinen ersten Ötzi in 12:31 absolviert. Das kann er bestimmt auch schneller. Ich war der irrigen Meinung, Ralf die ganze Zeit vor mir zu haben, da ich relativ weit hinten gestartet war und ihn nirgends gesichtet habe. Nach seiner Aussage ist er als letzter Teilnehmer über die Startlinie gegangen. Aus Respekt vor den Steigungen und der für ihn langen Strecke hat er das Rennen mit seinem Stahl-Rennrad mit Rohloff-Nabe bestritten. Damit stand ihm wahrscheinlich die kleinste Übersetzung (eigentlich eine Untersetzung bei einer Entfaltung von 1,9 m im 1. Gang) bei den Teilnehmern, die mit einem Rennrad gestartet sind, zur Verfügung. Erkauft allerdings mit einem vergleichsweise hohen Gewicht des kompletten Rades.

Freigabe: 04.09.07, letzte Änderung: 02.07.12
zuletzt gelesen: 19.11.17, 09:57 Uhr, Anzahl Zugriffe: 3350