Berichte -> Dreiländergiro 2007

Kenndaten zum Event
Veranstaltungstag: So, 24.06.07
Veranstaltungsort: A-Nauders
Distanz in km offiziell / lt. Aufzeichnung: 168 / 163,7
Höhenmeter offiziell / lt. Aufzeichnung: 3300 / 3515
HP des Veranstalters: http://www.dreilaendergiro.com

Den Dreiländergiro (3LG) und den eine Woche später ausgetragenen Samsonman habe ich während des Sommerurlaubs bestritten. Mit der Familie war ich 3 Tage in Nauders (Tirol) und danach 11 Tage in der Nähe des Millstätter See in Kärnten.

In Nauders, dem Startort des Dreiländergiro, fand vom 17. - 24.06. die "Radsportwoche Tiroler Oberland" mit folgenden Events statt.

Abendkriterium

Nach unserer Ankunft in Nauders am Freitagnachmittag konnten wir somit schon am Abend Radsport pur erleben. Auf einer profilierten 700 m-Runde durch enge Straßen des Wintersportortes wurde bei leichtem Regen und kühlen Temperaturen ein Abendkriterium mit Elite-Fahrern ausgetragen. Nach einigen lockeren Runden gab es abwechselnd eine Prämien- und eine Ausscheidungsrunde, so dass von den zunächst etwas mehr als 30 Teilnehmern letztlich nur noch einer übrig blieb.

Bereits zuvor, um 12 Uhr mittags, wurde das Race across the alps (Rata) gestartet, das wohl härteste Eintagesrennen der Welt. 525 km, 13650 HM und 13 harte Pässe sind innerhalb von 32 Stunden zu bezwingen. Die Teilnehmer müssen über nachweisbare Langstreckenerfahrung verfügen. Ein Begleittross von mindestens 3 Personen (in 2008 wenigstens 2 Leute) in einem eigenen Fahrzeug wird zwingend vorausgesetzt. Bei der diesjährigen Austragung waren 32 Herren und 2 Damen gemeldet, von denen letztlich nur 19 gewertet wurden.

Reschensee aus Westen
Kirchturm im See

Am Samstag haben wir mit dem Wagen die Gegend erkundet, schließlich war dies mein/unser erster Aufenthalt in Nauders. Auf der Strecke des 3LG ging es zunächst über die Grenze nach Italien zum Reschensee, einem 1950 künstlich angelegtem See, der wegen der aus dem Wasser ragenden Kirchturmspitze weithin bekannt ist.

Weiter ging es nach Prad, am Fuße des Stilfser Joch (ital. Passo dello Stelvio). Frau und Kind zeigten plötzlich Interesse, den Pass, wenn schon nicht mit dem Rad, dann wenigstens mit dem Auto zu befahren.

Stilfser Joch, oberer Teil
Aussicht ab Passhöhe

Nach dem Cime de la Bonette (2802 m ü. NN) und dem Col de l′Iseran (2764 m) in den französischen Alpen, ist das Stilfser Joch (2758 m) die dritthöchste asphaltierte Passstraße der Alpen. Kurz hinter Prad gibt es eine auf dem Boden gepinselte Startlinie. Ab hier (978 m ü NN) sind nach meinen eigenen Aufzeichnungen auf einer Länge von 23,5 km 1780 Höhenmeter zu überwinden. Dies entspricht einer durchschnittlichen Steigung von 7,57%. Neben diesem gewaltigen Höhenunterschied für einen einzigen Pass sind die Aussicht auf das Ortler-Massiv (Ortler Hauptgipfel 3905 m ü. NN) und die kurvenreiche Streckenführung im oberen Teil mit den vielen Serpentinen, die kurz nach dem Ort Gomagoi (1267 m) beginnen und von 48 rückwärts zählend nummeriert sind, ausschlaggebende Punkte, dass das Stilfser Joch in Pässe-Rankings meist den vordersten Platz einnimmt.

Weitere Bilder und Impressionen vom Stilfser Joch gibt es in diesem Album.

Auch an diesem Samstag sind viele Zweiräder, motorisierte und solche, die mit Muskelkraft betrieben werden, auf dem Pass unterwegs.

der unscheinbare Umbrail
Naturstrasse am Umbrailpass

Ca. 3,5 km nach Queren der Passhöhe und gut 300 Höhenmeter tiefer gabelt sich die Straße. Die südliche führt nach Bormio, die nördliche nach einer kurzen Gegensteigung über den Umbrailpass (2503 m) auf Schweizer Gebiet nach Santa Maria. Wir sind letzterer gefolgt, da hier auch der 3LG verläuft und ich mir das rund 2,7 km lange nicht asphaltierte Teilstück, das in diversen Foren immer wieder zu Diskussionen führt, näher anschauen wollte.

Auf der Abfahrt vom Umbrailpass sind uns vereinzelt Rata-Teilnehmer entgegen gekommen. Die Jungs sind mittlerweile mehr als 26 Stunden unterwegs gewesen und haben teilweise reichlich fertig ausgesehen. Die Route des Rata ist ab Start in Nauders bis zum Stilfser Joch identisch mit dem des 3LG, führt dann aber nicht über den Umbrailpass sondern weiter nach Bormio und anschließend zum Gavia-Pass (2618 m, ital. Passo di Gavia). Ab Zernez, gegen Ende der Runde, verläuft die Strecke dann in Gegenrichtung analog zu der des 3LG, also über Ofen-, Umbrailpass, Stilfser Joch (das somit aus beiden Richtungen erklommen wird), durch Prad und zurück nach Nauders.

In Santa Maria haben wir uns von der Streckenführung des 3LG verabschiedet. Statt also dem Münstertal talaufwärts in Richtung Ofenpass zu folgen, sind wir auf kurzem Weg über Glurns erneut vorbei am Reschensee zurück nach Nauders.

Vereinskollege Jörg

Kurz vor Nauders habe ich dann einen Radler in meiner Vereinskluft gesichtet, den ich auch gleich angesprochen habe. Offensichtlich war ich vom Verein doch nicht der einzige in Nauders, denn auch Jörg (@jvpracer) war für den 3LG gemeldet. Er kommt aus Köln, trainiert daher mittwochs nicht mit uns (Treffpunkt ist in Bergneustadt) und Kontakt gibt es eher selten.

Zurück in Nauders habe ich mir dann die Startunterlagen abgeholt. "Unterlagen" ist allerdings zuviel gesagt, denn es gab lediglich die Startnummer (in einer Klarsichthülle, in der sich auch der Chip für die Zeitnahme befindet), zwei Kabelbinder, eine Trinkflasche und einen Gutschein für die Pasta-Party. Das alles wurde einem in die Finger gedrückt, offensichtlich reichte das Veranstaltungs-Budget nicht mal für einfache Taschen.

Rata: Rainer Popp als 14. im Ziel
extremer Leichtbau -
Simplon Pavo mit Lightweight Ventoux

Danach habe ich die Zielankunft einiger Rata-Teilnehmer verfolgt und konnte den Einlauf von Rainer Popp, dem einzigen, der bisher an allen 7 Austragungen des Rata teilgenommen hat, live verfolgen. Mit Thorsten Theimann aus Hagen war auch ein flüchtiger Bekannter am Start, auf den ich eigentlich warten wollte. Leider gab es im Zielbereich keinerlei Informationen über die aktuellen Positionen der Teilnehmer. Thorsten war zwar mit einem ortungsfähigen GPS-System ausgerüstet und sein jeweiliger Standort damit übers Internet verfolgbar, mangels Webzugang hatte ich hiervon aber nichts. Auf einer handschriftlich geführten Liste konnte ich lediglich entnehmen, wer vorzeitig aufgeben musste und welche Fahrer das Ziel bereits erreicht hatten. Demnach war Thorsten noch im Rennen.

Nach rund 2 Stunden wurde mir das Warten dann aber doch zu lang und ich habe mich gegen 17 Uhr in die Pension verzogen. Thorsten hat übrigens als 19. mit einer Zeit von 33:15 Std:Min gefinisht und war demnach um 21:15 Uhr im Ziel. Kompliment zu dieser Leistung! 13 Alpenpässe hintereinander, darunter 2-mal auf das Stilfser Joch und neben anderen auch auf den gefürchteten Mortirolo sind eine ganz andere Kragenweite als 24h am Nürburgring oder ein 600er-Brevet. Wir brutal der Rata ist, wird eindrucksvoll durch die Ausfallquote von 44% belegt.

Zum Dreiländergiro:

Meine Geschichte zum 3LG ist schnell erzählt. Da ich bereits am Vortag etliche Aufnahmen vom Stilfser Joch genommen hatte, konnte und wollte ich auf das Mitführen der Digicam verzichten.

Um 6:30 Uhr gingen die Teilnehmer der großen Runde (168 km, 3300 HM) auf die Strecke. Später, um 8:30 Uhr sollte dann das Feld der kleinen Runde (134 km, 2020 HM) folgen. Dies übrigens letztmalig, in 2008 wird es aus genehmigungstechnischen Gründen nur noch einen gemeinsamen Start um 6:30 Uhr geben. Die kurze Runde führt nicht über das Stilfser Joch, ab St. Maria bis zum Ziel sind aber beide Strecken identisch.

Ab Start in Nauders (1365 m) geht es zunächst das letzte Stück des Reschenpasses bis zum Ort Reschen (1560 m) leicht bergauf, danach vorbei am Reschensee bis Prad (Ortsmitte bei 946 m) vorwiegend sachte bergab. Die Startlinie hab ich als einer der letzten überquert, ähnlich wie @jvpracer, der sich kurz darauf zu mir gesellte. Bis Prad (km 37) sind wir zusammen gefahren, dann haben wir gestoppt, um kurz vor dem Aufstieg die obligatorische Pinkelpause einzulegen. Mittlerweile war es auch warm genug, dass ich mich der Arm- und Knielinge entledigen konnte. Jörg ging vor mir wieder auf die Strecke, ich sollte ihn nicht wiedersehen.

Im Gegensatz zu meiner Stilfser Joch-Premiere im Vorjahr beim Giro Dolomiti, wo ich im unteren und flacheren Teil recht zügig unterwegs war und später drastisch eingebrochen bin, wollte ich diesmal gleichmäßig und gemäßigt fahren. Die Labe in Trafoi (1540 m) habe ich ausgelassen. Kurz vor der zweiten Labe, die in der ersten Kehre unterhalb der Passhöhe eingerichtet war, gab es einen Stau. Nicht hervorgerufen durch die Radler, sondern durch einen Ansturm von Motorrädern, die den Pass hochgeheizt sind und hier auf einen der Linienbusse treffen, die sich regelmäßig das Joch hinauf- bzw. hinunterquälen und in den engen Kehren auf Gegenverkehr Rücksicht nehmen müssen. Mit Mühe und Not konnte ich hier, an einer der steilsten Passagen, ein Absteigen vermeiden und mich in Schlangenlinien rechts und links an den Zweirädern vorbeischieben. An der Labe habe ich mich nicht lange aufgehalten. Kurz die Flaschen gefüllt, eine Banane verzehrt, einige Powerbar Riegel gegriffen, die hier förmlich unters Volk geworfen werden und weiter geht es.

Nach 40 weiteren Höhenmeter ist die Passhöhe auf 2758 m erreicht. Das Thermometer zeigt unglaubliche 18° C. Zwei Tage zuvor, als es so kühl war, habe ich noch befürchtet, dass es hier oben lausig kalt sein könnte und mich geärgert, dass ich keine langen Handschuhe in den Koffer gepackt habe. Zumindest diese Sorgen waren unbegründet. Den Stopp an der Labe rausgerechnet habe ich für den Aufstieg etwas mehr als 2:20 Std:Min benötigt, genauso lang wie beim Giro.

Die Abfahrt über den Umbrailpass war alles andere als ein Genuss. Nicht wegen des Teilstücks Naturstrasse, das sich bei entsprechender Vorsicht in den Kurven sonst problemlos befahren lässt, sondern weil die Beschaffenheit des Teerbelags im oberen Bereich sehr zu Wünschen übrig lässt. An vielen Stellen ausgebessert, teilweise mit Schlaglöchern und Steinen übersät, war es schon reichlich gewagt, es einfach laufen zu lassen. Zudem waren einige Motorräder bergab unterwegs, die uns Radfahren wohl unbedingt zeigen wollten, dass ein Drehen am Gashahn reicht, um schneller zu sein. Der untere Part weist Serpentinen auf und ist bzgl. des Straßenbelags tadellos. Leider hatte ich hier einen Mountainbiker vor mir, der sich wohl in anderem Gelände wähnte und sehr eigenwillige Linien in den Kurven wählte. Von Spur halten hatte er wohl noch nichts gehört.

Im Tal, kurz nach St. Maria (81 km, 1375 m), also nach der Zusammenführung mit Strecke B, folgt Labe 3, an der ich wiederum vorbeigefahren bin. Nun ging es hinauf Richtung Ofenpass (95 km, 2149 m), den ich noch nicht kannte. Eigentlich ist der auch gar nicht so dramatisch, zumindest vermittelt dies der optische Eindruck. Mir ist er allerdings sehr schwer gefallen, irgendwie konnte ich keinen Druck auf die Kurbel bekommen. Auf der Passhöhe war wiederum ein Verpflegungsstand aufgebaut, ich war aber noch gut versorgt und konnte auf einen Halt verzichten. Weiter in Richtung Zernez (116 km, 1474 m) geht es, abgesehen von einem kurzen Gegenanstieg, vorwiegend bergab. Am Gegenanstieg hatte ich wieder massive Probleme und auch auf Flachstücken waren die Beine wie Pudding.

Etwas besser lief es nach einer Pause und Verpflegungsaufnahme an der Labe in Zernez. Der Weg zurück nach Nauders über Susch (123 km, 1426 m), Scuol (142 km, 1244 m) und Martina (161 km, 1036 m) erfolgt auf der breiten Bundesstrasse 27 durchs Inntal. Er enthält einige kleinere Wellen, verläuft aber vorwiegend bei leichtem Gefälle. Auf den ersten Kilometern nach dem Stopp war ich alleine unterwegs, später bildete sich eine kleine Gruppe.

Zum Schluss der Runde muss noch die Norbertshöhe (167 km, 1467 m) erklommen werden. Wie am Stilfser Joch gibt es nummerierte Kehren, allerdings nur 11 Stück. Bei Gesprächen mit 3LG-Veteranen im Vorfeld der Veranstaltung wiesen doch etliche auf diesen letzten Pass hin, der noch einmal sehr weh tun würde. Nun, wir waren am Freitag über diesen Pass angereist, da der eigentlich kürzere Weg nach Nauders über den Reschenpass wegen einer Baustelle gesperrt war. Im Auto kam der mir gar nicht so wild vor. Warum auch? Die durchschnittliche Steigung (gemäß Aufzeichnung) liegt bei 6,1%, maximal ist es nicht viel mehr. Bei meinem aktuellen Zustand hatte ich jetzt aber doch einigen Respekt. Aber vollkommen unbegründet. Wie auf Kommando fühlte ich mich plötzlich wieder frisch und konnte auf den 6 km bis zur Höhe noch Dutzende Radler überholen.

Ab der Höhe sind es nur noch 1,5 km bis ins Ziel, das ich nach offiziell 7:41:44 (Std:Min:Sek) erreicht habe. In meiner Wertungsklasse (Jahrgang 1962 und älter) bedeutet dies Rang 315 von 739 gewerteten Teilnehmern. Leider gibt es keine Gesamtergebnisliste. Nach Tacho habe ich netto 7:25:42 benötigt und mit 3515 HM sind tatsächlich mehr Höhenmeter zu erklimmen als offiziell (3300 HM) angegeben.

Freigabe: 25.07.07, letzte Änderung: 27.06.11
zuletzt gelesen: 19.11.17, 09:57 Uhr, Anzahl Zugriffe: 3176